Das Intensivtagebuch

Ein Intensivtagebuch ist ein Tagebuch, das von Angehörigen und Pflegenden für Patient*innen mit Bewusstseinsstörungen wie Koma, Narkose usw. während eines Intensivaufenthalts geschrieben wird. Patient*innen können später nachlesen, was in der Zeit geschehen ist und ihre Erfahrung aufarbeiten. Für Angehörige ist ein Tagebuch eine Möglichkeit, mit den Patient*innen in Kontakt zu bleiben, ihre Gefühle auszuschreiben und zu verarbeiten und später darüber zu reden.

Das Intensivtagebuch

Dieser Text richtet sich an Angehörige und andere, die sich über das Intensivtagebuch informieren und es gegebenenfalls anwenden möchten.

Das Intensivtagebuch ist ein Tagebuch, das während der Zeit der Bewusstlosigkeit von Patient*innen von zumeist Pflegenden und Angehörigen geschrieben wird. In dem Tagebuch werden chronologisch die Aufnahme der Person, sowie die Umstände, die zur Aufnahme geführt haben, beschrieben. In dem Tagebuch werden auch Umweltbeschreibungen und Entwicklungsschritte beschrieben. Wir wissen heute, dass viele Patient*innen, auch die, die Schlafmittel erhalten, ein hohes Risiko für besonders intensiv erlebte Träume haben. Sie können später nicht mehr genau unterscheiden, ob sie etwas real erlebt oder nur geträumt haben. Da dies häufig sehr bedrohliche Erlebnisse sind, mündet dies nicht selten in einer posttraumatischen Belastungsstörung. Auch Angehörige können davon betroffen sein.

Studien haben gezeigt, dass ein Intensivtagebuch den Betroffenen helfen kann, die Zeit auf der Intensivstation besser zu verarbeiten und zu verstehen. Das Tagebuch hilft auch Angehörigen, die Situation zu bewältigen, weil sie sich ihre Sorgen und Ängste von der Seele schreiben können, sie können auch hier ihre Gefühle in Worte fassen und die Situation besser verstehen, handhaben und ihnen einen Sinn geben.

Ein Intensivtagebuch schreiben

Wenn auf der Intensivstation, auf der sich der*die Patient*in befindet, noch kein Intensivtagebuch geschrieben wurde, können Sie einfach selbst damit beginnen. Holen Sie sich einen Hefter oder ein dickes Notizheft und schreiben Sie vorne drauf „Intensivtagebuch von...“ und den Namen. Fragen Sie die Pflegenden, ob Sie das Tagebuch am Bett der Patientin*des Patienten lassen können und bitten Sie die Pflegenden und andere, etwas einzutragen, wenn sie die Zeit dazu finden. Es ist auf Intensivstationen schon mehrfach vorgekommen, dass es die Angehörigen waren, die ein Tagebuch auf einer Intensivstation eingeführt haben.

Beachten Sie dabei, nicht zu privat oder intim zu schreiben, denn es kann sehr gut sein, dass andere Personen das lesen, was Sie geschrieben haben, z.B. andere Besucher*innen oder Mitarbeiter*innen, die selbst etwas reinschreiben. Sollten Sie dennoch das Bedürfnis haben, etwas zu schreiben, was Ihnen aber gleichzeitig peinlich sein könnte, wenn andere es lesen, dann schreiben Sie lieber zuhause ein zweites Tagebuch.

Sie können über alles schreiben, was die Patient*innen interessieren kann und ihnen später helfen kann, die Ereignisse zu verstehen: was geschehen ist, was zu Hause los ist, wie es Ihnen, der Familie oder Freund*innen geht. Sie können auch über Hund & Katze und den Fußballverein schreiben. Manche kleben auch Briefe, selbst gemalte Bilder der Kinder oder Fotos und Zeitungsausschnitte in ein Tagebuch.

Manche möchten gerne Fotos von sich oder den Patient*innen machen. Sprechen Sie sich hier bitte vorher mit dem behandelnden Team ab.

Ein Tagebuch lesen

Es gibt keinen bestimmten Zeitpunkt, an dem es am besten ist, das Tagebuch zu lesen. Eine Konfrontation mit den teilweise schrecklichen Ereignissen muss in jedem Fall vermieden werden. Warten Sie ab, ob die Person Bereitschaft signalisiert und z.B. fragt: „Was war denn da los auf der Intensivstation?“, „Warum bin ich so schwach?“ usw. oder das Interesse zeigt, wenn ein Tagebuch oder eigene Notizen zur Sprache kommen. Dann kann das Tagebuch chronologisch und gemeinsam gelesen werden.

Zusatzinformationen

Interessenskonflikte: Keine
Autor*innen: Dr. rer.hum.biol. Peter Nydahl, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Deutschland
Redaktion: Mag. Dr. Magdalena Hoffmann, MSc, MBA
Datum: 30.01.2021
Version: 1.0
Copyright-Vermerk für Fotos: Inselspital Bern
Weiterführende Literatur:
• Bachlechner A, Egerod I, Heindl P, Nydahl P. Eine gelebte Praxis: Das Intensivtagebuch in Österreich. Österreichische Pflegezeitschrift 2017, 70(2): 24-28.
• Hähnel, V. Lesen hilft: Psychotherapeutische Komponente in der Intensivtherapie. Intensiv 2017; 25: 190–197
• Jenni-Moser B, Petry H, Jeitziner M. Mit Tagebuch “grosse Leeren” füllen. Krankenpflege (2019). 2: 23-25.
• Nydahl, P., Fischill, M., Deffner, T. Neudeck V, Heindl P. Intensivtagebücher senken Risiko für psychische Folgestörungen. Med Klin Intensivmed Notfmed (2018). https://doi.org/10.1007/s00063-018-0456-4
• Nydahl P. Erfahrung eines Betroffenen. Pflegen Intensiv 2017, 4: 18-19
• Teigeler B: Zurück ins Leben. Die Schwester Der Pfleger 2020, 7(59): 18-22
• Wüstenhagen, C. (2015). Während Du schliefst. Zeit Wissen 04: 62-65.
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